Kolonnen

Von: Manfred Dechert

In der Kolonne In der Kolonne fahren wir in Bussen, in der Kolonne, wir gehen von
Haus zu Haus und verkaufen Zeitschriften an den Türen,
dann kommt der Bus mit dem Kolonnenführer und holt uns ab,
und der Kolonnenführer fragt uns, wie viele Scheine
wir gemacht haben, und wenn ich sage, nur einer oder zwei, schlägt er mir schon
mal ins Gesicht, wenn ich sage drei oder vier, schimpft er, sind es fünf oder sechs,
ist er schon eher zufrieden, sind es acht oder neun, klopft er mir auf die Schulter.
Ich habe das nicht lange machen können, dann bin ich aufs Arbeitsamt, die haben
mich vermittelt in einen Computerkurs. Da saßen wir in Reihen zu acht vor den
Bildschirmen und haben Zahlen ins Gerät getippt und ich habe so lange auf den
Bildschirm geschaut, bis ich nur noch mit Röhrenaugen und glasigem Blick durchs
Büro ging und der Kursleiter hat gemeint ich hätte mich schon sehr gut eingearbeitet
und mir auf die Schulter geklopft. Ich konnte das dann nicht lange machen, dann bin
ich freiwillig zum Militär, da marschierten wir in Reihen zu viert, und der Hauptfeld-
webel schrie, Tieffliegerangriffe, und ich vergaß die Deckung zu suchen, und
mußte dann zur Strafe als Leiche im Graben liegen und durfte beim ABC-Alarm
dafür wieder auferstehen, um dann wieder als Demonstrationsobjekt vor den
Kameraden als Giftgasopfer geruchssicher verpackt werden zu können, das hat mir
nicht gefallen, da hab ich gesagt, Herr Hauptfeldwebel, ich ertrage das nicht, ich
mache das nicht mehr mit, das ist schlimmer als bei den Zeitungswerbern.
Im Gefängnis gingen wir in Reihen zu viert, und ich durfte wegen guter Führung im
Gefangenenchor singen und wurden vorzeitig entlassen und bekam Wohnung und
Arbeit in einem Hochhaus und einer Fabrik am Fließband, wo wir in Kolonnen
aufgeteilt immer die gleichen Handgriffe machten, doch der Kolonnenführer meinte,
ich wäre nicht schnell genug, und ich verlor Arbeit und Wohnung, bis mich mein
Kolonnenführer von den Abowerbern gnädigerweise, wie er sagte, zu sich aufnahm.
Ich bekam ein paar Ohrfeigen und einen Abend nichts zu essen, dann durfte und darf
ich wieder mit der Kolonne im Bus fahren, und sage ich, ich habe nur einen Schein
gemacht, gibt es nicht zu essen, bei zwei oder drei schlägt er mir schon mal ins Gesicht,
wenn ich sage drei oder vier, schimpft er, sind es fünf oder sechs, ist er schon
eher zufrieden, sind es acht oder neun, klopft er mir auf die Schulter. Gestern stand ich
bei meinem früheren Deutschlehrer vor der Haustür und ich fragte, mögen Sie nicht eine
HörZu oder eine Echo der Frau oder eine Buntezeitung abonnieren, da sagte er,
Sie reden aber monoton, und ich sagte, ich weiß, Herr Studiendirektor, es ist wie bei
Kafka, der hat ja auch immer über Kolonnen geschrieben – „Über die Kolonie“ ver-
besserte mein früherer Deutschlehrer, ein netter Mann, er hat Echo der Frau abonniert,
obwohl er schon Jahre verwitwet ist, und ein Buch mit Kafka hat er mir mit freundlicher
Widmung mitgegeben, Ihr Deutschlehrer, und so laufe, gehe, fahre, lebe und trotte
ich in der Kolonne, in der Kolonne, in der Kolonne.