Wenn Wände erzählen könnten.

Von: Trägerkreis des Ingeborg-Drewitz-Literaturpreises (Hrsg.)

Literatur aus dem deutschen Strafvollzug agenda Verlag, Münster 1999.

Wenn Wände erzählen könnten

„Wenn Wände erzählen könnten..." - So lautet das Motto des Ingeborg-Drewitz-Literaturpreises für Gefangene 1999. Was wirklich im Knast geschieht, weiß draußen kaum jemand. Die prämierten Texte berichten vom Leben hinter den Mauern, von Gefühlen, Hoffnungen, Träumen, Sehnsüchten und Ängsten. Sie geben Aufschluß über Mißstände in der Haft und über Versäumnisse der Justiz, der es offenbar nicht gelingt, die Forderungen des Gesetzes einzulösen. In den von einer namhaften Jury ausgezeichneten Erzählungen, Gedichten, Erfahrungsberichten und Tagebuchaufzeichnungen werden mannigfaltige Formen von Widerstand sichtbar. Die Texte sind anregend und provozierend - für die Autorinnen und Leserinnen gleichermaßen.

„Je länger er in der Isolationszelle saß, um so mehr fürchtete er die Wand mit der Tür. Die Fensterwand hingegen redete Klartext. Sie schenkte ihm ein Stückchen Himmel, zuweilen einen Vogel, der unter den Wolken durchsticht, und nächtens ein paar Sterne. Das vergitterte Loch in der Wand erinnerte Olaf beständig daran, daß die Welt groß und seine Zelle klein war. Die dicken Eisenstäbe unterlegten die Botschaft von Leben und Freiheit mit einer sarkastischen Note. Im Krieg, so dachte Olaf, kommt das Ende in Form von Eisen ins Fleisch. Im Zuchthaus erstickt das Eisen die Seele."

(Harry Buttersooner)